Mohn und Morphin: Was hat das Mohnbrötchen mit Opium zu tun?

Wer morgens in ein frisches Mohnbrötchen beißt, denkt vermutlich nicht an ein Schmerzmittel! Dabei stammen die kleinen schwarzen Mohnkörnchen vom Schlafmohn – einer Pflanze, die mit Morphin ein überaus starkes Schmerzmittel mit Rauschkomponente liefert.
Ist Speisemohn dasselbe wie Schlafmohn?
Ja: Unsere Mohnkörnchen stammen vom Schlafmohn. Verwechseln Sie ihn nicht mit dem knallroten Klatschmohn, der im Frühsommer an Feldrändern leuchtet. Warum Mohnbrötchen jedoch harmlos sind, verstehen wir besser, wenn wir die Uhr im Leben der Mohnsamen ein Stück zurückdrehen. Dann wird klar, warum sie keine Rauschwirkung erzeugen können. Eine Schlafmohnpflanze blüht meist weiß bis violett, mit einem dunklen Fleck im Zentrum jedes Blütenblatts. Nach der Blüte bildet sich eine rundliche Samenkapsel aus, in der bis zu 2.000 winzige schwarze Körnchen heranreifen. Solange die Kapsel noch grün ist, sind die Samen nicht erntereif.
Wie wird Opium aus Schlafmohn gewonnen?
Will man Opium gewinnen, ritzt man mit feinen Schnitten die unreife Kapsel an. Es tritt ein weißlicher, klebriger Milchsaft aus. Eingetrocknet wird er dunkler und zäher. Schließlich wird die Masse abgekratzt. Dieses sogenannte Rohopium enthält einen Cocktail bestehend aus mehr als 40 verschiedenen Pflanzenstoffen, den sogenannten Opiumalkaloiden. Darunter findet sich Morphin mit den bekannten Wirkungen als hochwirksames und berauschendes Schmerzmittel. Außerdem stecken im Rohopium noch weitere wichtige Wirkstoffe: Wir finden darin Codein, das eine hustenstillende und schmerzdämpfende Wirkung besitzt. Bekannt ist zudem der Wirkstoff Noscapin, der ebenfalls als potenter Hustenstiller als Arzneimittel zum Einsatz kommt. Opium selbst leistet in Form einer flüssigen Tinktur bis heute wichtige Dienste bei starken Durchfällen, wenn andere Arzneimittel nicht ausreichen.
Wie hängen Schlafmohn, Morphin und Heroin zusammen?
Schlafmohn gilt als eine uralte Heilpflanze, die von Menschen bereits seit über 7.000 Jahren – also seit der Jungsteinzeit – wegen seiner schmerzstillenden und berauschenden Wirkung genutzt wird. In China und Südostasien wurde Opium zu früheren Zeiten nicht nur eingenommen, sondern auch geraucht. Diese Anwendungsform hat sich bis heute nur noch in wenigen Regionen, etwa im Iran, erhalten. Die Geschichte des Schlafmohns ist immer auch eine Geschichte zwischen Rauschmittel und Heilmittel. So wurde der lukrative Opiumhandel immer wieder zum politischen Konfliktstoff, etwa während der Opiumkriege zwischen Großbritannien und China im 19. Jahrhundert. Bis in die Gegenwart ist die illegale Opiumproduktion mit politischen und gesellschaftlichen Konflikten verbunden, beispielsweise in Afghanistan oder Myanmar. Kehren wir zurück zur Pflanzenheilkunde: Gerade an der Nutzung der Mohnpflanze lässt sich die bahnbrechende Entwicklung von der überlieferten Pflanzenheilkunde der „Kräuterhexen“ hin zur wissenschaftlich fundierten Pharmazie und zum akademisch ausgebildeten Apotheker nachvollziehen. In der modernen Pharmazie werden Wirkstoffe identifiziert, aus dem natürlichen Stoffgemisch herausgelöst, gereinigt und in ihrer Wirkung untersucht. Aus einer hochwirksamen, aber schwankenden Naturdroge entstehen standardisierte Arzneimittel mit definierter Zusammensetzung, geprüfter Qualität und genauer Dosierung.
Die Natur liefert also den Wirkstoff – die Pharmazie macht daraus ein berechenbares Arzneimittel.
Aber damit nicht genug: Um die pharmakologische Wirkung zu verstärken, um das Anwendungsprofil zu schärfen oder um Nebenwirkungen abzuschwächen, werden heutzutage ganz gezielte chemische Modifikationen vorgenommen. So können aus ursprünglichen Naturstoffen Substanzen mit neuen Eigenschaften und teilweise völlig neuen Anwendungsgebieten entstehen. Wo Licht ist, ist jedoch auch Schatten: Durch eine kleine chemische Veränderung entsteht aus Morphin Heroin (Diacetylmorphin). Diese Substanz gelangt besonders schnell ins Gehirn und erzeugt dadurch eine ausgeprägte Rauschwirkung. Bei uns ist Heroin vor allem als illegale Rauschdroge bekannt. In Bezug auf die Entwicklung moderner Arzneiformen können wir ebenfalls Morphin als Paradebeispiel heranziehen: Man findet viele passgenaue Formulierungen: von schnell wirkenden Tropfen und Injektionslösungen für akute Schmerzzustände über Zäpfchen bis hin zu Retardtabletten, die den Wirkstoff über viele Stunden gleichmäßig freisetzen. In besonderen Schmerzsituationen kommt Morphin sogar über eine programmierbare Schmerzpumpe zum Einsatz.
Machen Mohnbrötchen high?
Mohnbrötchen dürfen Sie unbesorgt weiter genießen! Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bestätigt, dass Mohnsamen selbst nahezu morphinfrei sind und mögliche Opiumalkaloide vor allem durch Kontakt mit Milchsaft oder Kapselbestandteilen bei der Ernte auf die Samen gelangen können. Um sicherzugehen, gelten für Mohn in Lebensmitteln gesetzliche Höchstgehalte. Für Speisemohn werden außerdem spezielle Mohnzüchtungen verwendet, aber prinzipiell stammen Mohnsamen sowie Opium vom Schlafmohn, also von derselben Pflanzenart.
Wo wird Mohn angebaut?
Man muss streng zwischen Speisemohn, dem Anbau als Arzneipflanze und der illegalen Opiumproduktion unterscheiden. Afghanistan erzeugte bis zum Opiumverbot der Taliban im Jahr 2022 bis zu 80 Prozent des weltweit illegal produzierten Opiums. Seitdem ist der Anbau dort drastisch eingebrochen. Heute gilt Myanmar als größter Produzent illegalen Opiums. Ein bekanntes Anbaugebiet für pharmazeutisch genutzten Schlafmohn findet sich in Tasmanien. Speisemohn wird dagegen auch in zahlreichen europäischen Ländern angebaut.
Mein Apothekertipp aus der Pregizer Apotheke
Sind Sie ein echter Mohnfan und essen eine ganz besonders große Portion davon, könnte ein Nachweistest auf Opiate fälschlicherweise positiv ausfallen – obwohl Sie keine Drogen konsumiert haben!FAQ: Häufige Fragen zu Schlafmohn, Morphin und Opium
Darf man Schlafmohn im eigenen Garten anbauen?
Nicht ohne Weiteres. Der Anbau von Schlafmohn (Papaver somniferum) ist in Deutschland genehmigungspflichtig. Voraussetzung ist eine Erlaubnis nach § 3 Betäubungsmittelgesetz. Das gilt auch für die vom BfArM aufgeführten morphinarmen Sorten.
Was ist der Unterschied zwischen Schlafmohn und Klatschmohn?
Schlafmohn (Papaver somniferum) und der bekannte rote Klatschmohn (Papaver rhoeas) sind zwei verschiedene Mohnarten. Vom Schlafmohn stammen sowohl unsere Speisemohnsamen als auch der Milchsaft, aus dem Opium gewonnen werden kann. Klatschmohn ist dagegen die typische rote Wildpflanze an Feldrändern.
Was ist der Unterschied zwischen Morphin und Morphium?
Damit ist derselbe Wirkstoff gemeint. Morphin ist die heute gebräuchliche pharmazeutische Bezeichnung. Morphium ist eine ältere Bezeichnung, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute gehalten hat.
Was ist der Unterschied zwischen Opiaten und Opioiden?
Opiate sind ursprünglich aus Opium stammende Stoffe wie Morphin und Codein. Opioide ist der weiter gefasste Begriff für Substanzen, die an Opioidrezeptoren wirken. Dazu gehören natürliche Opiate ebenso wie halbsynthetische und synthetische Wirkstoffe.
Approbation als Apotheker. Promotion am physiologischen Institut der Universität Tübingen. Leitende Tätigkeit in der Pregizer Apotheke in Pforzheim.
